Mobile Arrhythmie-Risiko-Diagnostik

Mobile Arrhythmie-Risiko-Diagnostik,
70 Jahre danach und 1000-mal leichter

Matthias Wöllenstein

Es hat 70 Jahre gebraucht und eine 1000fache Miniaturisierung, um Hi-End-Diagnostik dahin zu bringen, wo der Patient ist und nicht umgekehrt.
Im digilog-Projekt konnte gezeigt werden, dass es nicht nur möglich ist, Arrhythmie-Risiko-Diagnostik angenehmer für den Patienten und aussagekräftiger für den Arzt zu gestalten, sondern diese auch dorthin zu bringen, wo die Menschen leben und sie im Alltag nahezu unbemerkt durchzuführen.
Die erste Datenübertragung von Bio-Signalen erfolgte 1949 durch den amerikanischen Forscher Norman J. Holter. Hierzu benötigte er noch ein selbst gebautes Gerät von 45 kg, welches er auf dem Rücken trug.
Bereits in den 1950er Jahren wurde die Technik klinisch genutzt und in Deutschland 1965 zum ersten Mal eingesetzt. Heute ist die Langzeitregistrierung von EKGs und die automatisierte Suche nach Rhythmusstörungen ein Standardverfahren, das Millionen Mal jedes Jahr in Deutschland angewendet wird, um Patienten eine angemessene Therapie zu ermöglichen.
Die Herausforderungen heutiger Tage liegen auf einem anderen Gebiet. Die Fragen, die es zu beantworten gilt, sind:
„Wie können wir den hohen Bedarf an guter Diagnostik allen Patienten aus den bekannten Risikogruppen zukommen lassen, um dadurch die gesundheitliche Risiken zu reduzieren, und ohne gleichzeitig die kapazitiven und finanziellen Grenzen des Gesundheitssystems zu sprengen?“
“Wie bringen wir die technologischen Möglichkeiten, die wir haben und nutzen könnten, dorthin, wo die Menschen sind und nicht umgekehrt?“
Und genauso wichtig:
„Wie ermöglichen wir, dass Fachärzte sich dieser Patienten annehmen können, obwohl Fachärzte nicht überall zur Verfügung stehen?“
Hinzu kommt die schiere Notwendigkeit, für dringende Probleme der Zeit adäquate Lösungsansätze anbieten zu können. Eines dieser Probleme ist Vorhofflimmern, das als eine der häufigsten Gründe eines Schlaganfalls gilt und ein hohes Risiko für den Betroffenen wie auch für das Gesundheitssystem darstellt. Oder selbst Palpitationen (“Herzstolpern”), das oftmals starke Verunsicherung beim Betroffenen hervorruft und in Konsequenz zu aufwändigen und vielleicht teuren, aber letztlich nicht unbedingt notwendigen Ausflügen durch die Instanzen des Gesundheitswesens führt. Dies sind zentrale Aufgaben insbesondere bei einer älter werdenden Gesellschaft.
Diese Überlegungen haben uns, das Team von AthenaDaiX (Startup, 2012 gegründet), dazu motiviert, technische Lösungen zur Arrhythmie-Diagnostik vorzuschlagen und auch zu realisieren, die Klarheit und Sicherheit für den Betroffenen schaffen. Und dies entsprechend unserer Zeit, „überall“ und „immer sofort“, ohne dabei die Bank zu sprengen.
Im Rahmen des digilog-Projektes konnte der klinische Nutzen des Systems in einer dezentralen Versorgungsstruktur gezeigt werden. Das entwickelte System besteht aus einem Sensor, der direkt auf die Brust geklebt wird und bis zu 7 Tage unterbrechungsfrei EKG, Aktivität, Körpertemperatur und Hautwiderstand aufzeichnet und vollständig dokumentiert. Weiterhin besteht das Gesamtsystem aus einer Diagnostik-Software, einem Cloud-Speicher und einem Datentelemetrie-System. Die gewonnenen Daten werden über eine gesicherte und verschlüsselte Internet-Verbindung dem Spezialisten zur Verfügung gestellt. Der analysierte und bewertete Befund wird wieder über die verschlüsselte Verbindung dem behandelnden Arzt vor Ort zur Verfügung gestellt. Somit ist für Patienten mit Herzrhythmusstörungen ein geschlossener Kreis der Versorgung in seinem Wohnort entstanden. Dieser Kreis schließt den Hausarzt als zentralen Kontakt zum betroffenen Patienten ein. Gleichzeitig ist die Datenbasis, auf der die diagnostische Aussage beruht, sieben Mal größer und damit deutlich abgesicherter als bei einer 24-Stunden-Untersuchung. Durch die Erstellung der Befunde durch ein Spezialisten-Team, die ohne Zeitverzug den Befund dem Arzt vor Ort zur Verfügung stellen, ist eine schnelle therapeutische Intervention möglich.
Das Team von AthenaDiaX hat durch den klaren Fokus auf die Prozessimplementierung auch eine deutliche Kostenbegrenzung erzielen können. Es erscheint auf Grundlage der Erfahrung im digilog-Projekt realistisch anzunehmen, dass die Gesamtkosten in einer klinischen Routinesituation nicht höher als die heute durchschnittlichen Transportkosten des Patienten zum Spezialisten sind.

Risiko-Diagnostik

Zu den Fakten:

Im Rahmen des digilog-Projektes wurden in 8 teilnehmenden Praxen, die in einem Radius von 60 km um das Befundungszentrum (eHealth Center) lokalisiert sind, zwischen April und Dezember 2018 insgesamt 382 Patienten-Aufzeichnungen (inzwischen weit mehr als 400) durchgeführt. Die gesamte Aufzeichnungsdauer betrug 26.613 Stunden. 82 Patienten wurden mit einem Monitoring von über 170 Stunden kontinuierlich überwacht. 300 Patienten wurden durchschnittlich 48 Stunden überwacht. Insgesamt entspricht dies einem Äquivalent von 1.109 Langzeit-EKG-Untersuchungen.

Was waren die Herausforderungen?

Im Laufe des Projektes wurde deutlich, dass es besonderer Maßnahmen bedarf, um große Datenmengen (24 h entsprechen 120 MB) sicher und unterbrechungsfrei auch bei sehr langsamen Internetverbindungen zu übertragen. Dies ist für IT-Fachleute keine neue Erkenntnis, jedoch gab und gibt es bis dato kein Beispiel in der Medizin, wo diese großen Datenmengen in der klinischen Routine aus Arztpraxen übertragen werden müssen. Das Problem konnte durch ein effektives IT-technisches Sicherungsverfahren abgestimmt auf die spezifische Aufgabe gelöst werden.

Was sind die Highlights?

Das wohl wichtigste Highlight ist die hohe Akzeptanz der Patienten. Diese Akzeptanz bestätigt zum einen den hohen Tragekomfort und geringe Beeinträchtigung durch das Sensorsystem. Gleichzeitig trägt es aber auch der Tatsache Rechnung, dass eine umgehende Versorgung und Betreuung durch den Hausarzt ein wesentlicher Pluspunkt für den Patienten ist, der nach Lösungen für sein Problem sucht.

Was können wir mitnehmen?

Das System hat sich in der klinischen Routine bewährt. Es ist von Ärzten wie Patienten akzeptiert. Die bestehende Infrastruktur an Internetanbindung in der Testregion Nordwest Brandenburg ist ausreichend für den hier beschriebenen Einsatzzweck. Erst durch eine Kombination von Technologie am Patienten, die Einbindung des behandelnden Arztes, sicherer und verschlüsselter Kommunikation und der Befundung durch das eHealth Center kann der volle Nutzen dargestellt werden.

Was muss noch getan werden?

Gehen wir davon aus, dass die heutigen Indikationsstellungen für Langzeit-EKGs weitestgehend durch das neue System abgedeckt werden können, besteht eine klare Vorgabe, welche Patienten von dieser Technologie profitieren werden. Darüber hinaus muss durch gezielte klinische Beobachtungen geklärt werden, ob für einzelne Indikationen weitere Vorteile in der Therapiesteuerung realisierbar sind und zur Verbesserung der Versorgung auch in der Fläche beitragen. Hierzu zählt insbesondere die Herzinsuffizienz.
Es bleibt eine kontinuierliche Aufgabe, den zeitlichen Aufwand, insbesondere für das eHealth Center, weiter zu minimieren.

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