Konvergenz digitaler Gesundheitsanwendungen

Thomas Thiessen; Alexander Schachinger

Konvergenz digitaler Gesundheitsanwendung mit den medizinischen Versorgungsstrukturen: Ergebnisse einer empirischen strukturierten Beobachtung im deutschsprachigen Länderraum.

Summary

Im Rahmen einer quantitativen strukturierten Beobachtung wurden im Zeitraum 2017/2018 neue Formen webbasierter Gesundheitsanwendungen im deutschsprachigen Raum analysiert. Gegenstandsbereich waren alle webbasierten Anwendungen, welche Nutzer im Kontext einer medizinischen Behandlung oder Prävention verwenden können. Vor dem Hintergrund des 2-Welten-Dilemmas, nämlich einerseits der Welt von Webseiten und Apps auf der einen und die mit der ersten Welt nicht verknüpften traditionellen medizinischen Versorgungsstrukturen auf der anderen Seite, sind folgende Beobachtungsergebnisse relevant: Webbasierte Anwendungen verflechten sich bezüglich ihrem konkreten Anwendungsszenario mit den ambulanten und stationären Versorgungseinrichtungen, wie Arzt, Apotheke oder Klinik. In Summe erhält der Bürger und Patient somit in ersten Schritten seine App vom Arzt oder Apotheker, und dies obwohl auf politischer Ebene noch keine einheitlichen, Orientierung gebenden regulativen Vorgaben umgesetzt wurden.
Diese Erkenntnis untermauert den digilog-Ansatz, welcher für eine lückenlose Versorgung für eine ländliche alternde Bevölkerung am Beispiel des Bundeslandes Brandenburg, verschiedenste analoge und digitale Versorgungsformen patientenzentriert kombiniert. Denn mit oder ohne Regulation steht fest, dass die digitale Medizin sich mit der analogen Medizin vor Ort zunehmen effizient verknüpfen muss und dies auch schon in ersten Schritten tut.

Hintergrund und Situation

In den vergangenen drei bis fünf Jahren entwickelten mehrheitlich Startups webbasierte Anwendungen für den Konsumenten, welche zunehmend medizinische diagnostik- wie therapierelevante Funktionen und Wirkungen aufzeigen. Dieses Innovationsfeld definieren die Autoren als den digitalen Gesundheitsmarkt: Alle webbasierten Anwendungen, welche für Gesunde und Patienten auf ihren internetfähigen Endgeräten mit oder ohne ärztliche Verordnung oder Überwachung zu nutzen sind. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung entstand für den Patient somit das sogenannte 2-Welten-Dilemma: Die Welt der traditionellen Medizin und Versorgung durch Arzt, Apotheker und Krankenhaus auf der einen Seite und auf der anderen Seite die Welt von tausenden von Gesundheitswebseiten und -apps¹. Beide Welten sind seit Anbeginn in der Regel nicht miteinander vernetzt und lassen dadurch den Patienten mehrheitlich orientierungslos gegenüber seiner Informationsnachfrage und seiner Therapie in einer zunehmen digitalen Gesellschaft alleine zurück.

Problemstellung

Auch wenn parallel zu dieser Entwicklung, die Startups mit ihren digitalen Versorgungslösungen beobachtbar enger an die medizinische Versorgung vor Ort anknüpfen, so ermöglichen die strikte Regulation der Selbstverwaltung des Gesundheitssystems und die systeminterne IT-Infrastrukturen immer noch keine ganzheitliche digitale Daten- und Serviceverknüpfung. Politik und Regulation arbeiten zwar derzeit verstärkt an möglichen regulativen Integrationslösungen, diese blieb jedoch als ganzheitliche Lösung bisher aus. Dieses Dilemma, sowie hinzukommend die Herausforderung, in ländlichen Regionen Medizin und Versorgung lückenlos sicherzustellen, war der Ursprungsgedanke des digilog-Ansatzes, u. A. hervorgegangen aus der Idee des somit „boundaryless hospital“¹.

Methodik und Datenerhebung

Diese für beide Teilsysteme ständig mehr Anpassungsdruck aufbauende Situation war der Anlass, eine Segmentanalyse an genau dieser Systemschnittstelle in Form einer quantitativen Beobachtung mit dem Gegenstandsbereich aller digitaler Versorgungslösungen im deutschsprachigen Raum durchzuführen. Zwei Kernvariablen waren dabei zur Operationalisierung der Beobachtung entscheidend: a) der Faktor Zeit in Form der Kalenderjahre 2012-2018 und b) ein Index, gebildet aus mehreren disjunkten Beboachtungskategorien, welche eine digitale Versorgungslösung auf dem Markt codiert. Die verwendeten Beobachtungskategorien der Indexbildung waren vereinfacht dargestellt:

  1. Konkrete Anwendung/Verknüpfung der digitalen Anwendung mit einem ambulanten/stationären Versorger,
  2. Erreichen einer Nutzeranzahl von mind. 50.000 (gemessen in Form von Downloads in marktrelevanten App-Stores oder regelmäßige Besuche/Monat auf der Webseite mit dem Analyseinstrument similarweb),
  3.  Nachweis einer Publikation zum medizinischen Nutzennachweis,
  4. Neu entstandene Erstattungsmöglichkeit durch einen Kostenträger,
  5. Partner in einem Versorgungskonsortium, als Partner im Innovationsfond oder eine Finanzierung von mind. 2 Mio. Euro.

Die Datenerhebung erfolgte in Form einer dreistufigen Datenerhebung: a) Recherche aller im D,A,CH-Raum vorliegenden digitalen Lösungen, b) Verdichtung des konkreten Nutzens und des digitalen Versorgungsszenarios der Anwendung durch die Positionierung auf der Anbieterwebseite und durch die Berichterstattung in der Fachpresse und c) direkter Kontakt mit der Geschäftsführung zur Klärung offener funktioneller Fragen.

Ergebnisse

In den vergangenen vier bis fünf Jahren hat sich die Zahl an digitalen Versorgungslösungen, welche eine direkte oder indirekte Anwendung in der traditionellen medizinischen Versorgung vor Ort finden ungefähr verzehnfacht. Diese Feststellung mag für Branchenkenner keine Neuerung darstellen, zeigt sie jedoch hier erstmals quantitative belegt auf, dass der Druck für Politik und Regulation exponentiell wächst und sich digitale Anwendungen in der Medizin verstärkt auch ohne regulativ-politische Lösung einen, wenn auch häufig, Nischenplatz in der Versorgung finden. Insbesondere die jüngsten Lösungen weisen vereinfacht dargestellt folgende drei Charakterisika auf:

  1. Das Geschäftsmodell gestaltet sich dreiteilig: Umsatzerlöse kommen aus drei Zielgruppensegmenten: a) Selbstzahler, b) ambulante und stationäre Versorger, c) Kostenerstattung durch Krankenversicherungen,
  2. Die digitale Anwendung erlaubt einen Datenaustausch bis hin zu Messenger-Diensten mit dem Fachpersonal in der Arztpraxis und der Apotheke
  3. Der internationale Forschungsstand zeigt eine besser Nutzung- und Wirkungsratio wenn digitale Anwendungen sich mit den Versorgungsstrukturen vor Ort vernetzen.
Artikelgrafik1

Abbildung 1: Anzahl an digitalen Versorgungsanwendungen verknüpft mit dem medizinischen Versorgungsstrukturen oder Kostenträgern 2012-2018 (Basis: n=98 Indexfälle, 95% Genauigkeit).

Implikationen

Eine von mehreren Ableitungen dieser Beobachtung ist die Feststellung, dass sich digitale Versorgungsanwendungen für den Patient einen Platz im System schaffen, auch ohne eine wenn auch notwendige nationale politisch-regulative Lösung für das gesamte Gesundheitssystem (Beispiele: Elektronische Gesundheitsakte, einheitliche Lösung für die „App auf Rezept“ und vergleichbare Szenarien).
Beispielsweise findet ein Cluster an Startups, welche direkten Patientenchat mit Arzt und Apotheker ermöglichen, schon tausende von Arztpraxen und Apotheken als Nutzer (Beispiel-Cases: Egopulse, medzapp, AppZumArzt). Online-Rehalösungen wie Caspar Health wird schon in über 80 Kliniken als digitale Nachsorge angewendet und abgerechnet. Und Online-Coaching-Lösungen finden in Breite und Tiefe als Kassenleistung oder ebenfalls als Vor- oder Nachbereitung einer ambulanten oder klinischen Behandlung Anwendung (Beispiel-Cases: Kinderheldin, Deprexis24, Neolexon).
Die Frage ob und wie stark in naher Zukunft diese Einzellösungen die medizinische Versorgung auch ohne Regulationslösung flächendeckend digitalisieren werden ist trotz der Ergebnisse nicht beantwortbar. Fest steht jedoch, dass schon kurzfristig weiterhin der Druck auf Politik und Regulation exponentiell weiter steigen wird und die Versorger strategisch eigene oder die digitalen Anwendungen von dritten weiter implementieren. Darüber hinaus liegt die Herausforderung in der Akzeptanz digitaler Versorgungslösungen beim Fachpersonal wie Patient, in der Verflechtung und Bereitstellung heterogener Patientendaten für Diagnostik und Therapie und der Anwendung der richtigen digitalen Medizintools für den richtigen Patient zu einem stimmigen Zeitpunkt im Behandlungspfad.

Kontext digilog

Die genannten Herausforderungen waren die Basis des digilog-Ansatzes und seinem eHealth-Center, welches die genannten Aspekte versorgungszentriert umsetzt.

Das digilog-Projekt, welches mit über 25 Konsortiumpartnern aus den Segmenten Medizintechnik, Klinik, Ärzteschaft, Kostenträger, Forschung und weiteren, für eine zukunftsweisende Versorgung im Land Brandenburg analoge und digitale Behandlungslösungen verflechtet, steht vor dem Ergebnishintergrund zwar einerseits im Innovationstrend. Andererseits ist die Koordinationsarchitektur von digilog nicht auf eine oder mehrere einzelne Lösungen fixiert. Da davon auszugehen ist, dass sich digitale Diagnostik, Therapiesoftware und Standards für Datenplattformen auch in Zukunft wandeln werden, sollte, wie im Fall digilog umgesetzt, ein digitales Versorgungszenario die Grunddynamik digitaler Gesundheitsinnovationen anwenden können und gleichzeitig seine Kernarchitektur nicht an einen Standard oder einen Lösungsanbieter kritisch binden.

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