Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum Brandenburgs

Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum Brandenburgs

Stefanie Fischer¹ ; Stephanie Hoffmann¹; Antje Löffler¹; Jacob Spallek¹
Mirko Paul²; Juliane Eichhorn²
Anja Walter³; Mirko Paul³; Peter Arends*; Henrike Hölzer*; Christoph Bohne*; Julia Schendzielorz*; Gerhard Danzer*

¹ FG Gesundheitswissenschaften, Institut für Gesundheit, Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg
² FG Pflegewissenschaft und Klinische Pflege, Institut für Gesundheit, Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg
³ FG Pflegewissenschaft und Pflegedidaktik, Institut für Gesundheit, Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg in Kooperation mit der Medizinischen Hochschule Brandenburg*

Hintergrund

Herausforderungen im Kontext des demografischen Wandels betreffen insbesondere ländliche Gebiete, welche vielfach in Brandenburg zu finden sind. Zukünftig werden immer mehr ältere Personen zu verzeichnen sein, welche altersgerechte Versorgungsstrukturen sowie spezifische Gesundheitsangebote bzw. pflegerische Leistungen benötigen. Herausforderungen, wie die geringste Hausarztdichte Deutschlands sowie eine ungünstige Altersstruktur [1] beeinflussen die ärztliche Versorgung in strukturschwachen Regionen Brandenburgs. Auch vor dem Hintergrund des schon zu verzeichneten Fachkräftemangels in der Pflege und der Abnahme an informellem Pflegepotential sieht sich Brandenburg noch viel stärker mit den Auswirkungen des demografischen Wandels konfrontiert, da insbesondere hier der Anteil der Pflegebedürftigen im Deutschlandvergleich deutlich erhöht ist. [2]

Detaillierte Einblicke in die Situation der älteren ländlichen Bevölkerung sowie innovative Ansätze, die das Leben und die Versorgung älterer Menschen in ländlichen Regionen erleichtern und verbessern sind notwendig. Aus diesem Grund beschäftigen sich die Teilprojekte A1-A3 des Forschungsprojektes DIGILOG im Rahmen des Gesundheitscampus Brandenburg mit unterschiedlichen Facetten der Gesundheitsversorgung in ländlichen Regionen Brandenburgs:

  1. Teilprojekt A1 (Prof. Spallek) zielt darauf ab, die Zufriedenheit der älteren Bevölkerung mit dem Zugang zur Haus- und Facharztversorgung zu untersuchen,
  2. Teilprojekt A2 (Prof. Eichhorn) möchte Kernaussagen über Haltung, Bedürfnisse und Unterstützungswünsche älterer Menschen in ländlichen Gebieten für die Implementierung bzw. Weiterentwicklung von eHealth-Angeboten liefern. Gleichermaßen soll die Perspektive von Pflegefachpersonen Eingang in die Betrachtung finden.
  3. Teilprojekt A3 (Prof. Walter) möchte das interprofessionelle Denken und Handeln in der Gesundheitsversorgung bereits in der berufsqualifizierenden Phase von Studierenden befördern.

Methodik

  1. Um die Zufriedenheit der älteren Bevölkerung mit dem Zugang zur Haus- und Facharztversorgung zu ermitteln (Teilprojekt A1) wurde Anfang 2018 per standardisiertem Fragebogen mit sowohl geschlossenen als auch offenen Fragen 3.006 zufällig ausgewählte 50-70-jährige Einwohner*innen im Landkreis Oberspreewald-Lausitz zu soziodemografischen Merkmalen sowie zur aktuellen und künftigen Haus- und Facharztversorgung befragt. Die Response beträgt 17,5% und ergibt eine Stichprobe mit einem Durchschnittsalter von 62 Jahren (51% weiblich).
  2. Um Kernaussagen über Haltung, Bedürfnisse und Unterstützungswünsche älterer Menschen zum Thema E-Health zu eruieren (Teilprojekt A2), wurde ein Interviewleitfaden auf Basis der Literatur entwickelt und 3 Fokusgruppeninterviews durchgeführt. 270 Minuten Audioaufnahmen gespeist durch Aussagen von 19 Teilnehmer*innen (11 Frauen, 8 Männer), mit einer Altersspanne von 53 – 84 Jahren, konnten in die Analyse einbezogen werden. Die hierbei untersuchte Stichprobe entspricht hinsichtlich der Nutzung von Internet, Email und Online-Banking in ihrer Verteilung der deutschlandweit durchgeführten ARD/ZDF Online-Studie [3]. Um die Perspektive von Pflegefachpersonen zu beleuchten fanden weitere 3 Interviews mit 8 Pflegefachpersonen statt.
  3. Im Projekt A3 wurde eine IP Lerneinheit entwickelt, umgesetzt und evaluiert. In der Vorbereitungsphase wurden Kompetenzkataloge sowie die konkreten Curricula der Studienrichtungen im Hinblick auf Zielvorstellungen zur IP Zusammenarbeit analysiert. Die kollegial konzipierte IP Lehreinheit fand im Oktober 2018 mit Unterstützung von insgesamt neun Lehrenden aus der BTU und der MHB statt. Die Teilnehmenden waren Studierende der Pflegewissenschaft und der Therapiewissenschaften der BTU sowie Studierende der Medizin der MHB. Begleitet wurde die Umsetzung von einer (vorher-nachher) Online-Befragung zu Einstellungen und Überzeugungen der Studierenden mit der Interprofessional Collaboration Scale (IPC-Skala) (inkl. Freitexteingabe) sowie einer Prozessevaluation (Beobachtungen und Audioaufnahmen). Im Mittelpunkt der Umsetzung stand die methodisch variable Bearbeitung von authentischen Fällen zur IP Zusammenarbeit in gemischten Kleingruppen.

Ergebnisse

  1. Der Zugang zur Haus- und Facharztversorgung wird aktuell von den Befragten als zufriedenstellend angesehen (Hausarzt (HA) 93%, Facharzt (FA) 87,8%). Es werden aber künftig Berentung, mangelnde Nachfolge und lange Wartezeiten befürchtet. 84% der Befragten haben im letzten Jahr einen FA konsultiert (häufigste: Augenarzt (93x), Urologe, Orthopäde (je 74x)). Der HA ist in rund x̃=4km [0-64] und 10 Min. [0-90], der FA in x̃=15km [0-338] und 20 Min. [0-338] überwiegend mit dem Auto (HA 60,9%; FA 77%) erreichbar. Beim HA wird 59 Min. [0-180], beim FA 57 Min. [0-240] gewartet.
  2. Basierend auf den qualitativen Analysen kann festgestellt werden, dass die befragten Senior*inne eHealth als wichtige und nötige (Weiter-)Entwicklung einschätzen, jedoch befürchten, dass sie dabei von Entscheidungsträger*innen zu wenig berücksichtigt werden. Auch die Sorge hinsichtlich eines Datenmissbrauchs wurde immer wieder geäußert. Befragte fürchten zudem den Verlust von persönlicher Beziehung zu Pflegenden und anderen Gesundheitsdienstleistern. Ein generelles Anliegen, das immer wieder verlautbar wurde, war der Wunsch nach zielgruppengerechter Schulung. Aus Sicht der Pflegenden besteht die Befürchtung, dass Digitalisierung in Zeiten des Fachkräftemangels den Arbeitsumfang erhöht und „arztersetzend“ wirken soll. Es wird geäußert, dass digitale Lösungen kompatibel sein müssen im Sinne von Interoperabilität. Vorteile werden in Bezug auf die originären gesundheits- bzw. pflegebezogenen Tätigkeiten weniger gesehen, sondern eher unterstützend im Sinne der Pflegeorganisation, – dokumentation bzw. – kommunikation.
  3. Über die Analyse der Dokumente wurden ähnliche Ziele im Hinblick auf IP Zusammenarbeit identifiziert. Diese wurden im Projekt als Richtschnur verwendet. Die Online-Befragung hat gezeigt, dass Einstellungen und Überzeugungen über die jeweils andere Berufsgruppe reflektiert wurden. Ebenso konnte ein Zugewinn an Kenntnissen und Verständnis für die jeweils andere Berufsgruppe verzeichnet werden – bspw. hat sich die Zustimmung zum Item „Die andere Berufsgruppe und meine Berufsgruppe haben ähnliche Vorstellungen, wie Patienten versorgt werden sollten“ deutlich erhöht. Aus Sicht der Studierenden hat die Veranstaltung ihnen die Bedeutung IP Zusammenarbeit bewusst gemacht, eine kritische Reflexion der Situationen ausgelöst und ihnen Möglichkeiten zum Perspektivwechsel gegeben. Der informelle Rahmen wurde als förderlich für die Annäherung erlebt.

Ergebnisse

  1. Obwohl derzeit der Zugang zur ärztlichen Versorgung trotz erster offen bleibender Arztstellen insgesamt noch als zufriedenstellend angesehen wird, drohen in naher Zukunft Versorgungsdefizite, zeitnah besonders in der fachärztlichen Versorgung [2, 3, 4]. Neue Versorgungskonzepte, wie Community Nurses oder digitale Lösungen, könnten diese z. T. auffangen und Wartezeiten bei akuten Beschwerden verkürzen.
  2. Die qualitative Analyse bezüglich Haltung, Bedürfnisse und Unterstützungswünsche älterer Menschen und Pflegefachpersonen zum Thema eHealth lässt keine eindeutige Aussage über Pro oder Contra zu. Senior*innen und Pflegefachkräfte zeigen durchaus Aufgeschlossenheit hinsichtlich eHealth-Angeboten, jedoch ist die Akzeptanz jeweiliger Interventionen bzw. Lösungen fallabhängig zu betrachten. Transparenz und zielgruppengerechte Unterstützung sind dringend erforderlich, weshalb die Entwicklung und Etablierung spezieller Schulungsprogramme sowie die Gewährleistung von Interoperabilität auf Basis der Erkenntnisse der Studie dringend empfohlen werden. Ebenso erscheint die User- und ressourcenfreundliche Aufbereitung von eHealth Anwendungen von hoher Bedeutung.
  3. Die IP Ausbildung sollte im Land Brandenburg stärker etabliert werden – mit der MHB und dem Institut für Gesundheit sind dafür gute Grundlagen gelegt, die im Rahmen des Gesundheitscampus durch die Ausschreibung entsprechender Professuren aktuell ausgebaut werden. IP Lehre sollte in den Curricula verankert und auf gemeinsames Lernen in der Versorgungspraxis ausgeweitet werden. Auch an die Lehrenden stellt die IP Ausbildung hohe Anforderungen. Diese sollten in entsprechenden Fortbildungen aufgegriffen werden.

Literaturverzeichnis

[1] KVBB (2016) Daten und Fakten. www.kvbb.de. Aufgerufen: 6.3.2018
[2] Landesamt für Soziales und Versorgung des Landes Brandenburg (2016) Brandenburger Sozialindikatoren. Aktuelle Daten zur sozialen Lage im Land Brandenburg, online, URL: lasv.brandenburg.de, Abfrage: 29.11.2017
[3]Koch, W. & Frees, B. (2016) Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie 2016 – Dynamische Entwicklung bei mobiler Internetnutzung sowie Audios und Videos. Media Perspektive, 9, 418 – 437

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